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Autofreie Wohngebiete

Schupp, Eike (1999):
Autofreie Wohngebiete.
TU Darmstadt,
[Seminar paper (Midterm)]

Abstract

Im Jahr 1993 besaßen 28% aller Haushalte in Deutschland kein Auto. Diese Gruppe der Bevölkerung, zu der vor allem die unteren sozialen Schichten gehören, wird bei der Planung kaum berücksichtigt. Meist leben diese Menschen ohne Auto an den Hauptverkehrsstraßen. Diesen Menschen, aber auch allen Menschen, welche sich bei entsprechend günstigem Wohnumfeld ein Leben ohne eigenes Auto vorstellen können, gilt es, durch autofreie Wohngebiete ein angenehmeres und vor allem ruhigeres Leben zu ermöglichen. Die Infrastruktur ist in erster Linie an den Erfordernissen des Autoverkehrs angepasst, während der Fußgängerverkehr kaum Beachtung findet, abgesehen vom obligatorischen Gehsteig. Darum ist es nicht verwunderlich, dass heute so viel Auto gefahren wird. Ein konsequenter Umbau des Verkehrssystems kann die "Verkehrswende" hin zum nichtmotorisierten Verkehr erreichen. Durch die heute höheren Reisegeschwindigkeiten ist die Reisezeit nicht gesunken, sondern gleich geblieben. Entsprechend haben die Entfernungen zugenommen. Durch diese Entwicklung sind nicht nur die Städte zerstört worden, sondern auch die gesamte Erde leidet unter den Folgen des Verkehrs. Der Beitrag, den die Fußgänger zur Mobilität leisten, wird in der Regel völlig unterschätzt. Aber gerade sie haben den geringsten Flächenverbrauch aller Verkehrsteilnehmer und die heute gebauten Städte erschweren das Laufen auf vielfältige Weise. Durch die autogerechte Erschließung werden die Wege immer länger, weil der motorisierte und ruhende Verkehr viel Platz verbrauchen ("Explosion" der Stadtgrenzen). Durch das Auto und den ÖPNV findet eine Zentralisierung der Funktionen (Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit und Erholen) statt, die ein "zu Fußgehen" meist unmöglich macht (oft auch das Radfahren). Aber auch die optische Verarmung der Stadt, die dem Fußgänger keine angenehmen Reize mehr bietet, sondern nur noch öde, großflächige Fassaden, ist ein wichtiger Grund für die Abnahme dieser Fortbewegungsart und für die Verödung von Straßen und Plätzen, abgesehen von den Fußgängerzonen. Da der nichtmotorisierte Verkehr (Fußgänger und Radfahrer) der nachhaltigste ist, mit dem geringsten Energieverbrauch, muss dieser in der Stadt und vor allem in den autofreien Wohngebieten gefördert und ausgebaut werden. Daraus ergibt sich folgendes Bild: In der Stadt müssen innerhalb einer Entfernung von 3 km, von jeder Wohnung aus, alle wichtigen Funktionen erreichbar sein. Die Strukturen sind dann sehr kleinteilig, um diese Fülle von verschiedenen Funktionen zu gewährleisten. Ein Überdenken der Messung von Raum und Zeit als rein physikalische Größe ist im Städtebau notwendig, da die Wahrnehmung des Menschen ganz andere Maßstäbe setzt. Umwege werden gerne zurückgelegt, wenn diese attraktiv sind. Dies ist ein wichtiger Punkt zur Gestaltung fußgängerfreundlicher Städte. Da das Stellplatzangebot ein wichtiger Faktor ist, wird sein Einfluss auf den Verkehr hier nochmals deutlich herausgestellt: • Stellplätze benötigen Platz, der häufig ohne die tatsächlich auftretenden Kosten genutzt wird, welche dann die Allgemeinheit oder die gesamte Mieterschaft zu tragen haben; • dieser Platzbedarf vergrößert die Wege; • im öffentlichen Raum (Straße) kann der Stellplatz von anderen Bürgern nicht genutzt werden, z.B. als Spiel-, soziale Kontakt- oder Grünfläche; • Der Stellplatz vor der Wohnung ist ein wichtiger Grund für die mangelnde Akzeptanz des ÖPNV. Ein Versuch, bei dem sechs Familien einen Monat lang auf ihr Auto verzichteten, veranlasste fünf Familien dazu, ihr eigenes Auto abzuschaffen. Die eigene Erfahrung, ohne Auto ein besseres Leben zu führen, hat sogar den Autor der Studie dazu veranlasst, kein eigenes Auto mehr zu besitzen. In diesem Sinne wäre ein Monat ohne Auto für alle interessierten Bürger, ein interessantes Programm zur Verkehrsvermeidung. Die Ziele autofreier, bzw. autoarmer Wohngebiete sind: • Erhöhung der Nutzungs- und Aufenthaltsqualitäten • Erhöhung der Sicherheit • Reduktion der Geschwindigkeit • Schonung der Ressourcen Was sind autofreier, bzw. autoarmer Wohngebiete? Autofreie Wohngebiete sind Viertel, in denen die Bewohner auf ein eigenes Auto verzichten. Am Rand des Gebietes gibt es eine Sammelgarage, in dem sich Leihfahrzeuge befinden, und die Besuchern einen Stellplatz bieten. Autoarme Wohngebiete haben in diesen Sammelgaragen zusätzlich Stellplätze für die Autos der Anwohner. Ein Schema zur autofreien Stadt sieht folgendermaßen aus: In der Mitte einer Zelle befindet sich ein Platz mit dem Haltepunkt des ÖPNV. Im Umkreis von 300m befinden sich Sammelgaragen und deren Erschließungsstraßen. Von dem zentralen Platz aus führen Wohnwege, bzw. Wohnstraßen zu sechs weiteren Plätzen in diesem Umkreis. Somit ist das Gebiet fußgängerfreundlich erschlossen und in dem Kreis selbst ist ein autofreies Wohnen möglich. Da viele autofreie Haushalte über niedrige Einkommen verfügen, können diese vor allem durch die Umgestaltung im Bestand in ihrer Lebensweise unterstützt werden, und weniger durch Neubaugebiete. Eine Umfrage im Rahmen dieser Arbeit konnte folgende Punkte feststellen: • Die Kernstadt mit den Altbauwohnungen, um die City der Städte gelegen, bietet viel Potential, diese Gebiete autofrei bzw. autoreduziert umzugestalten, zumal hier auch ein hoher Anteil autofreier Haushalte wohnt. • Viele Menschen stehen dem autofreien Wohnen offen gegenüber. • Durch attraktives Car-Sharing und wohnortnahe Arbeitsplätze kann der Autoverkehr vermindert werden.

Item Type: Seminar paper (Midterm)
Erschienen: 1999
Creators: Schupp, Eike
Title: Autofreie Wohngebiete
Language: German
Abstract:

Im Jahr 1993 besaßen 28% aller Haushalte in Deutschland kein Auto. Diese Gruppe der Bevölkerung, zu der vor allem die unteren sozialen Schichten gehören, wird bei der Planung kaum berücksichtigt. Meist leben diese Menschen ohne Auto an den Hauptverkehrsstraßen. Diesen Menschen, aber auch allen Menschen, welche sich bei entsprechend günstigem Wohnumfeld ein Leben ohne eigenes Auto vorstellen können, gilt es, durch autofreie Wohngebiete ein angenehmeres und vor allem ruhigeres Leben zu ermöglichen. Die Infrastruktur ist in erster Linie an den Erfordernissen des Autoverkehrs angepasst, während der Fußgängerverkehr kaum Beachtung findet, abgesehen vom obligatorischen Gehsteig. Darum ist es nicht verwunderlich, dass heute so viel Auto gefahren wird. Ein konsequenter Umbau des Verkehrssystems kann die "Verkehrswende" hin zum nichtmotorisierten Verkehr erreichen. Durch die heute höheren Reisegeschwindigkeiten ist die Reisezeit nicht gesunken, sondern gleich geblieben. Entsprechend haben die Entfernungen zugenommen. Durch diese Entwicklung sind nicht nur die Städte zerstört worden, sondern auch die gesamte Erde leidet unter den Folgen des Verkehrs. Der Beitrag, den die Fußgänger zur Mobilität leisten, wird in der Regel völlig unterschätzt. Aber gerade sie haben den geringsten Flächenverbrauch aller Verkehrsteilnehmer und die heute gebauten Städte erschweren das Laufen auf vielfältige Weise. Durch die autogerechte Erschließung werden die Wege immer länger, weil der motorisierte und ruhende Verkehr viel Platz verbrauchen ("Explosion" der Stadtgrenzen). Durch das Auto und den ÖPNV findet eine Zentralisierung der Funktionen (Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit und Erholen) statt, die ein "zu Fußgehen" meist unmöglich macht (oft auch das Radfahren). Aber auch die optische Verarmung der Stadt, die dem Fußgänger keine angenehmen Reize mehr bietet, sondern nur noch öde, großflächige Fassaden, ist ein wichtiger Grund für die Abnahme dieser Fortbewegungsart und für die Verödung von Straßen und Plätzen, abgesehen von den Fußgängerzonen. Da der nichtmotorisierte Verkehr (Fußgänger und Radfahrer) der nachhaltigste ist, mit dem geringsten Energieverbrauch, muss dieser in der Stadt und vor allem in den autofreien Wohngebieten gefördert und ausgebaut werden. Daraus ergibt sich folgendes Bild: In der Stadt müssen innerhalb einer Entfernung von 3 km, von jeder Wohnung aus, alle wichtigen Funktionen erreichbar sein. Die Strukturen sind dann sehr kleinteilig, um diese Fülle von verschiedenen Funktionen zu gewährleisten. Ein Überdenken der Messung von Raum und Zeit als rein physikalische Größe ist im Städtebau notwendig, da die Wahrnehmung des Menschen ganz andere Maßstäbe setzt. Umwege werden gerne zurückgelegt, wenn diese attraktiv sind. Dies ist ein wichtiger Punkt zur Gestaltung fußgängerfreundlicher Städte. Da das Stellplatzangebot ein wichtiger Faktor ist, wird sein Einfluss auf den Verkehr hier nochmals deutlich herausgestellt: • Stellplätze benötigen Platz, der häufig ohne die tatsächlich auftretenden Kosten genutzt wird, welche dann die Allgemeinheit oder die gesamte Mieterschaft zu tragen haben; • dieser Platzbedarf vergrößert die Wege; • im öffentlichen Raum (Straße) kann der Stellplatz von anderen Bürgern nicht genutzt werden, z.B. als Spiel-, soziale Kontakt- oder Grünfläche; • Der Stellplatz vor der Wohnung ist ein wichtiger Grund für die mangelnde Akzeptanz des ÖPNV. Ein Versuch, bei dem sechs Familien einen Monat lang auf ihr Auto verzichteten, veranlasste fünf Familien dazu, ihr eigenes Auto abzuschaffen. Die eigene Erfahrung, ohne Auto ein besseres Leben zu führen, hat sogar den Autor der Studie dazu veranlasst, kein eigenes Auto mehr zu besitzen. In diesem Sinne wäre ein Monat ohne Auto für alle interessierten Bürger, ein interessantes Programm zur Verkehrsvermeidung. Die Ziele autofreier, bzw. autoarmer Wohngebiete sind: • Erhöhung der Nutzungs- und Aufenthaltsqualitäten • Erhöhung der Sicherheit • Reduktion der Geschwindigkeit • Schonung der Ressourcen Was sind autofreier, bzw. autoarmer Wohngebiete? Autofreie Wohngebiete sind Viertel, in denen die Bewohner auf ein eigenes Auto verzichten. Am Rand des Gebietes gibt es eine Sammelgarage, in dem sich Leihfahrzeuge befinden, und die Besuchern einen Stellplatz bieten. Autoarme Wohngebiete haben in diesen Sammelgaragen zusätzlich Stellplätze für die Autos der Anwohner. Ein Schema zur autofreien Stadt sieht folgendermaßen aus: In der Mitte einer Zelle befindet sich ein Platz mit dem Haltepunkt des ÖPNV. Im Umkreis von 300m befinden sich Sammelgaragen und deren Erschließungsstraßen. Von dem zentralen Platz aus führen Wohnwege, bzw. Wohnstraßen zu sechs weiteren Plätzen in diesem Umkreis. Somit ist das Gebiet fußgängerfreundlich erschlossen und in dem Kreis selbst ist ein autofreies Wohnen möglich. Da viele autofreie Haushalte über niedrige Einkommen verfügen, können diese vor allem durch die Umgestaltung im Bestand in ihrer Lebensweise unterstützt werden, und weniger durch Neubaugebiete. Eine Umfrage im Rahmen dieser Arbeit konnte folgende Punkte feststellen: • Die Kernstadt mit den Altbauwohnungen, um die City der Städte gelegen, bietet viel Potential, diese Gebiete autofrei bzw. autoreduziert umzugestalten, zumal hier auch ein hoher Anteil autofreier Haushalte wohnt. • Viele Menschen stehen dem autofreien Wohnen offen gegenüber. • Durch attraktives Car-Sharing und wohnortnahe Arbeitsplätze kann der Autoverkehr vermindert werden.

Divisions: 13 Department of Civil and Environmental Engineering Sciences
13 Department of Civil and Environmental Engineering Sciences > Institutes of Transportation
13 Department of Civil and Environmental Engineering Sciences > Institutes of Transportation > Institute for Transport Planning and Traffic Engineering
Date Deposited: 24 Jan 2018 13:35
Official URL: https://www.verkehr.tu-darmstadt.de/media/verkehr/fgvv/beruf...
Referees: Boltze, Prof. Dr. Manfred and Linder, Dipl.-Ing. Kristina
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